der hintergrund — zwei events, eine frage
Im April 2019 stand eine Delegation von ungarischen Tischlerinnen, Holzbau-Unternehmern und Innenarchitekten in unserem Grazer Büro. Organisiert hatte den Trip der PANFA AIK Cluster aus Sopron — ein zweitägiger Studienbesuch im Rahmen des INTERREG-V-A-Programms Österreich–Ungarn, mit der schlichten Frage: Was machen die Österreicher mit ihrer Holzwirtschaft, und was davon ist für uns relevant?
Vierzehn Monate später, im Juni 2020, ging dieselbe Frage in einen anderen Kontext über: Im Rahmen der Initiative Spitzen!Leistung Holz des Holzcluster Steiermark hielten wir gemeinsam ein Webinar zu „Digitaler Vertrieb & virtuelle Produktpräsentation”. Diesmal kein internationaler Studienbesuch, sondern eine knappe Stunde Live-Erklärung für KMUs aus Österreich.
Beide Termine drehten sich um dasselbe: Wie macht Virtual Reality der Holzindustrie konkret etwas zugänglich, das vorher nicht zugänglich war?
was wir gezeigt haben
Im Workshop mit der ungarischen Delegation haben wir keine generischen Tech-Demos gefahren. Stattdessen lief eine konkrete Fallstudie: eine reale Wohnungsbesichtigung in VR. Die Delegation konnte durch die Küche gehen, in den begehbaren Kleiderschrank schauen und auf den großen Balkon treten — wo schon der Tisch fürs sommerliche Grillen mit Freunden gedeckt war. Eine Bauträger-Wohnung, die zu diesem Zeitpunkt physisch noch gar nicht stand.
Dazu kam: zur jeder digitalen VR-Begehung gibt es einen einfachen Papier-Cardboard-Viewer, in den Käufer:innen ihr Smartphone stecken können. YouTube-Video starten, Brille auf — und derselbe Rundgang funktioniert beim Wohnzimmertisch zuhause, ohne Termin, ohne Begleitung.

Im Webinar 2020 ging es weniger um diese eine Anwendung, mehr um das Panorama: vom klassischen Online-Shop (den ein KMU selbst einrichten und betreuen kann) bis hin zu virtuellen Produktwelten. Der wichtige Punkt — gemeinsam mit Roland Oberwimmer vom Holzcluster — war: Förderfähigkeit. Die Entwicklung dieser Tools ist über Spitzen!Leistung Holz förderbar. Das ändert die Diskussion: VR ist nicht mehr „spannend, aber teuer”, sondern „spannend, aber förderbar”.
was vr in dieser branche wirklich kann
Drei Anwendungsfelder, die wir in beiden Terminen immer wieder konkret durchgespielt haben:
1. Design-Reviews mit Architekten und Kunden. Bei Holzbau-Projekten ist die Lücke zwischen 2D-Plan und Erlebnis besonders groß. Holz hat Maserung, Lichtwirkung, Raumakustik — Dinge, die ein Grundriss nicht transportiert. In VR sitzt der Bauherr im noch ungebauten Raum und sagt: „Das Fenster gehört 30 cm tiefer.” Diese Korrektur kostet im VR-Modell zwei Stunden. Auf der Baustelle kostet sie ein neues Bauteil.
2. Prototypen-Visualisierung im Holzbau. Tischlerinnen können Möbel und Einbauten im 1:1-Maßstab zeigen, bevor das erste Brett zugeschnitten ist. Das ist insbesondere für Sonderanfertigungen relevant — wo Mustermöbel wirtschaftlich nicht darstellbar wären, aber die Entscheidungsbasis trotzdem mehr braucht als einen Plan.
3. Interaktive Vertriebs-Tools für Holzbau-KMUs. Statt klassischem Katalog: ein interaktives 3D-Modell, in dem der Kunde sein Carport, sein Vordach oder seine Fassade konfigurieren kann. Web-basiert, kein Plugin, kein App-Store. Das funktioniert auf jedem Tablet im Verkaufsgespräch.
was wir nicht gesagt haben
VR ersetzt keine Bemusterung. Wer eine Eichendielenoberfläche kauft, will sie anfassen. Die richtige Lesart von VR in der Holzbranche ist nicht „digitaler Ersatz”, sondern „digitale Vorstufe” — eine Möglichkeit, früher gemeinsam zu sprechen, mit weniger Risiko Entscheidungen vorzubereiten, und im Verkaufsgespräch das zu zeigen, was sich in der Vitrine nicht zeigen lässt.
Der ungarische Reisebericht im Magazin Faipar brachte es ehrlich auf den Punkt: ein junges, agiles Team in der Grazer Innenstadt, das Tools baut, die für Tischler:innen, Innenarchitekt:innen und Holzbau-Betriebe tatsächlich verwendbar sind. Beim Webinar mit dem Holzcluster wurde aus dem internationalen Studienbesuch ein konkretes Förderprogramm.
Sechs Jahre später ist VR in unserem Tagesgeschäft längst Routine — die Frage hat sich nur verschoben. Heute lautet sie nicht mehr „Was kann VR?”, sondern „Welches Tool passt zu welchem Vertriebs- und Produktions-Schritt?” Genau das ist das Gespräch, das wir gerne führen.